Brandschutztüren: Im Ernstfall zählt das ganze System
Rund 8’600 Brandschäden an Gebäuden mit einer Schadenssumme von etwa 340 Millionen Franken: Diese Bilanz rechnet die Beratungsstelle für Brandverhütung (BFB) für die Schweiz im Jahr 2025 hoch. Für Menschen geht dabei meist nicht von den Flammen, sondern vom Rauch die grösste Gefahr aus. Brandschutztüren sollen dessen Ausbreitung begrenzen und Fluchtwege möglichst lange nutzbar halten. Erfüllen können sie diese Aufgabe jedoch nur als sorgfältig geplantes, geprüftes und instand gehaltenes Gesamtsystem.
Geschlossen, wenn es darauf ankommt
Brandabschnitte unterteilen ein Gebäude in Bereiche, zwischen denen sich Feuer und Rauch für eine definierte Zeit nicht ausbreiten sollen. Wo ein Durchgang diese Trennung unterbricht, stellt die Brandschutztür den Abschluss her. Die Klassifikation EI30 bedeutet beispielsweise, dass sie im geprüften Zustand während mindestens 30 Minuten Raumabschluss (E) und Wärmedämmung (I) bietet.
Im Brandfall muss die Tür allerdings geschlossen sein. Daraus folgt in der Schweiz dennoch nicht, dass jede Brandschutztür zwingend einen Türschliesser benötigt.
Wann ist ein Türschliesser in der Schweiz erforderlich?
Die geltende VKF-Brandschutzrichtlinie 15-15 differenziert nach Einbausituation und Schutzkonzept. Brand- und Rauchschutzabschlüsse, die aus betrieblichen Gründen offengehalten werden, benötigen eine automatische Schliessvorrichtung. Türen zu vertikalen Fluchtwegen sind grundsätzlich selbstschliessend auszuführen; ausgenommen sind Türen zu Wohnungen, Schulzimmern, Einzelbüros und technischen Räumen.
Anders als beispielsweise in Deutschland, wo Feuerschutzabschlüsse grundsätzlich als selbsttätig schliessende Türen auszuführen sind, ist hierzulande eine Brandschutztür ohne Türschliesser somit nicht automatisch mangelhaft. Wird sie bestimmungsgemäss geschlossen gehalten und verlangt das Brandschutzkonzept keine Selbstschliessung, kann sie den Schweizer Vorgaben entsprechen. Ist dagegen eine selbstschliessende Ausführung gefordert – erkennbar etwa an der zusätzlichen Klassifikation C –, muss eine geeignete Schliessvorrichtung die Tür zuverlässig in ihre Endlage bringen.
Ein geprüftes Bauteil macht noch kein geprüftes Türsystem
Wo ein Türschliesser erforderlich ist, darf er nicht losgelöst von der Tür ausgewählt werden. Die SN EN 1154 bewertet unter anderem Schliesskraft, Dauerfunktion, Sicherheit und Eignung eines Türschliessers für Feuer- und Rauchschutztüren. Sie belegt jedoch nicht, dass sich ein beliebiger Schliesser mit jeder Brandschutztür kombinieren lässt.
Für den Feuerwiderstand zählt das Zusammenspiel von Türblatt, Zarge, Bändern, Dichtungen, Schloss beziehungsweise Falle, Türschliesser, Befestigung und Wandanschluss. Bewegliche Brandschutzabschlüsse werden nach SN EN 1634-1 geprüft. Kombination und Montage müssen daher durch die zugehörigen Nachweise abgedeckt sein. Ein nach SN EN 1154 geprüfter Türschliesser verleiht einer nicht nachgewiesenen Konstruktion keine Brandschutzeigenschaft.
Das gilt auch im Bestand: Ein anderer Schliessertyp, eine abweichende Gleitschiene oder zusätzliche Bohrungen können in die geprüfte Konstruktion eingreifen. Vor einer Nachrüstung ist also zu klären, was der Systemnachweis zulässt.
SIA 343/1 nimmt den gesamten Lebenszyklus in den Blick
Seit dem 1. Februar 2025 gilt die Schweizer Norm SIA 343/1 «Türen». Sie ersetzt den Türenteil der SIA 343:2014 «Türen und Tore» und berücksichtigt unter anderem die SN EN 16034 für Feuer- und Rauchschutzeigenschaften. Die Norm begleitet eine Tür von der Projektierung über Ausführung und Montage bis zur Schlussdokumentation und Instandhaltung.
Für Brandschutztüren stärkt dies den Systemgedanken: Leistungseigenschaften, Einbausituation und Schnittstellen müssen frühzeitig definiert werden. Die SIA 343/1 ersetzt jedoch weder Brandschutzkonzept noch VKF-Vorschriften. Diese bestimmen die Schutzfunktion; die Norm unterstützt deren technische Umsetzung und Dokumentation.
Sicherheit und Nutzungskomfort zusammen planen
Ein Türschliesser muss kräftig genug sein, damit die Tür trotz Luftdruck, Dichtungen und Schlossfalle vollständig schliesst. Eine möglichst hohe Einstellung ist jedoch nicht automatisch die sicherste Lösung: Überhöhte Öffnungskräfte erschweren die Nutzung, zu geringe Schliesskraft oder eine ungeeignete Geschwindigkeit können das Einrasten der Schlossfalle verhindern.
Bei der Auswahl sind Türbreite und -gewicht, Montageposition, Öffnungs- und Schliesskräfte sowie Nutzungshäufigkeit gemeinsam zu betrachten. Einstellbare Schliessgeschwindigkeit, Endschlag und Öffnungsdämpfung ermöglichen die Anpassung an die jeweilige Situation. Cam-Motion®-Türschliesser wie der ASSA ABLOY DC700 reduzieren durch ihr stark abfallendes Öffnungsmoment den Kraftaufwand beim Öffnen und verbinden zuverlässiges Schliessen mit hohem Begehkomfort.
Bei zweiflügeligen Brandschutztüren kommt die richtige Schliessfolge hinzu: Zuerst muss der Standflügel, danach der Gehflügel schliessen. Eine Schliessfolgeregelung koordiniert den Ablauf. Soll eine Tür im Alltag offenbleiben, ist ein Keil keine Lösung. Elektromechanische Feststellanlagen halten sie kontrolliert offen und geben sie bei Rauchentwicklung oder über die Brandfallsteuerung zum Schliessen frei. Ein entsprechendes Zusammenspiel der Komponenten zeigt beispielsweise die BIM-Türlösung von ASSA ABLOY.
Funktion erhalten und dokumentieren
Mit der Abnahme endet die Verantwortung nicht. Nach der VKF-Brandschutzrichtlinie zum organisatorischen Brandschutz müssen brandschutztechnische Einrichtungen regelmässig kontrolliert und gewartet sowie die Arbeiten dokumentiert werden. Bei Brandschutztüren betrifft das insbesondere die freie Schliessbewegung, die Einstellung des Türschliessers, das sichere Einrasten der Falle, Bänder, Dichtungen sowie gegebenenfalls Feststellanlage und Schliessfolgeregelung.
Beschädigungen, nachträgliche Einbauten oder betriebliche Gewohnheiten können die Schutzwirkung beeinträchtigen. Deshalb gilt im Alltag ebenso wie bei der Planung: Eine Brandschutztür ist mehr als ein widerstandsfähiges Türblatt. Erst wenn alle Komponenten zusammenpassen und die Tür im entscheidenden Moment vollständig schliesst, kann der Brandabschnitt seine Aufgabe erfüllen.
- Effeff